Das wertvollste Medium unserer Zeit

Audio boomt. Aber warum eigentlich?

Podcasts, Hörbücher und andere Audiomedien erleben eine bislang nie dagewesene Popularität. Entgegen früherer Hypephasen in der Nische, werden Audioinhalte quer durch alle Altersgruppen, Milieus und Interessensgebiete immer beliebter. 

Was unterscheidet die akustischen Inhalte von Videos und Texten? Wo liegen die größten Potenziale? Und warum machen sich immer mehr Menschen daran, Podcasts & Co. nicht nur zu hören, sondern auch selber Audioinhalte zu erstellen? 

Als Audiograf habe ich mich dem Audiomedium verschrieben und ich bin davon überzeugt, dass wir gerade erst den Anfang einer nachhaltigen Entwicklung sehen. Das Potenzial erzählter Informationen und Geschichten ist immens. Kein anderes Medium bietet eine vergleichbare Chance, Menschen zu erreichen und in wirksam Beziehung zu gehen.

Ich möchte dazu beitragen, dass noch viel mehr Menschen dieses wundervolle und wirkmächtige Medium für ihre Ideen, Anliegen und sozialen Räume nutzen – nicht nur beim Zuhören, sondern auch selbst als Audioteilgeber. 

In diesem Artikel habe ich deshalb die wichtigsten Potenziale für Audioinhalte aus meiner Erfahrung zusammengestellt. 

 

Audio transportiert mehr als das gesprochene Wort

Die Klangfarbe eines Menschen ist durch Anatomie, Gewohnheit und Stimmung beeinflusst. © fotolia

 

"Die Stimmung eines Menschen erkennen wir über die Stimme."

 

Der anatomische Kontext: Zieht die Muskulatur den Kehlkopf nach oben, wird die Stimme nämlich höher und vom Timbre her heller. Dies ist häufig ein Zeichen von Stress, Unsicherheit oder Nervosität. Damit lässt sich ungewollt "die Stimmung eines Menschen über seine Stimme" klar erkennen, erklärt der österreichische Stimmforscher Christian Herbst vom Department für Biophysik der Uni Olmütz (Tschechien). [Quelle: Die Stimmung macht die Stimme, Wiener Zeitung]

Wenn wir jemandem zuhören, dann nehmen wir viel mehr auf, als nur den Inhalt des gesprochenen Wortes. Über die Stimme transportieren wir das gesamte Spektrum der Emotionen. Über diese Ebene entscheiden wir unbewusst über Sympathie, Empathie, vermutete Kompetenz und vor allem Glaubwürdigkeit. Über all das, was in der Stimme buchstäblich mitschwingt, entscheiden wir, ob wir einer Person und dem Gesagten vertrauen. Es ist die Frequenz, die unsere Beziehung zum Sprecher und zum berichteten Inhalt beeinflusst. 

Gleichzeitig löst all das bewusst Gehörte und unbewusst Wahrgenommene etwas in uns aus. Gerade dadurch, dass Audioinhalte im Gegensatz zu Videos ohne visuelle Einflüsse daherkommen, erzeugen sie innere Bilder in uns. Wenn wir die Stimme einer Person hören, entsteht in uns eine Vorstellung davon, wie diese Person aussieht, denkt und handelt. Wenn wir beispielsweise in Hörspielen über atmosphärische Inszenierungen in Situationen hineingeführt werden, sehen wir diese vor unserem inneren Auge deutlich vor uns. 

 

Aber, wer hat schon Zeit zum Zuhören?!

Die Episoden meiner Podcasts (MoTcast – Masters of Transformation Podcast) dauern im Durchschnitt sicher 70 – 80 Minuten. Die spontane, verwunderte Anmerkung von Nichthörern ist denn auch „So lang?! Wer hört das denn alles? Die meisten klicken doch ein Video schon nach 30 Sekunden weg … “.  

Die ideale Podcastlänge liegt für Hörer im Durchschnitt bei 13 Minuten


13 Minuten sind ein idealer Wert laut der einer repräsentativen Umfrage unter mehr als 1.000 Personen ab 16 Jahren im Auftrag des Digitalverbands Bitkom (2019). Aber es geht auch deutlich mehr. Der Podcast „Alles gesagt?“ der ZEIT bietet Episoden von über 8 Stunden Laufzeit. Der legendäre „CRE“ Podcast von Tim Pritlove dauert selten unter 2-3 Stunden pro Thema. Sicher sind das Extreme, aber es geht nicht darum, ganze Folgen an einem Stück durchzuhören – gleiches erwartet wohl auch niemand von Hörbüchern, die nicht selten Gesamtlängen von über 15 Stunden aufbieten. Bei Podcasts kann man sich die eigenen Zuhörzeiten aufteilen. Und genau das passiert.

Für Videos – insbesondere in sozialen Netzwerken und flüchtigen Momenten des Rumbrowsens – mag das sicher oft zutreffen. Für Audio jedoch gilt es ganz und gar nicht. Und das liegt daran, dass dieses Medium ganz anders funktioniert. Und wir nutzen es ganz anders. 

Podcasts werden oft in Situationen gehört, in denen wir kein anderes Medium nutzen können oder wollen: beim Sport, beim Autofahren, auf der täglichen Pendelstrecke zur Arbeit, beim Aufräumen oder zum Einschlafen. Gerade weil wir nicht die ganze Zeit auf einen Bildschirm starren müssen, gewinnen wir mit Audio die Freiheit für andere Dinge. Audio funktioniert als Nebenbeimedium perfekt, d.h. wir sind gerade dann sehr offen für neue Informationen und Inspiration, wenn wir Routinetätigkeiten oder monotone Prozesse ausführen. 

 

Zuhören schafft Beziehung 

Diese besondere Konstellation aus ausgedehnter Aufmerksamkeit im Nebenmodus und der besonderen Wirkung der Stimme ohne visuelle Ablenkung macht das Medium Audio so wertvoll. Es kommt mir manchmal so vor, als ob wir unsere eigene Fantasie und Achtsamkeit für die Zwischentöne, feinen Schwingungen und Informationen unterhalb der Sprachebene wiederentdecken, wenn wir nicht durch Bilder abgelenkt werden. 

Und noch ein Effekt ist zu beobachten: Audio ist ein Beziehungsmedium. Wir bauen eine Beziehung zu Personen auf, die wir häufiger hören. Das gilt nicht nur für Babies, die die Stimme ihrer Mutter hören, lange bevor sie sie sehen. Jeder, der Podcasts regelmäßiger hört, kennt diesen Effekt. Bereits ab der 2. Episode entwickelt sich Vertrautheit. Typische, wiederkehrende Begrüßungen, Redewendungen oder Formatabläufe strukturieren die Beziehung positiv. In einer Welt zunehmender Ungewissheiten und Dynamik bilden Podcastserien eine Insel verlässlicher, erwartbarer und konstanter Muster. Das Bedürfnis für derartige, vertraute und sichere Stützen ist massiv gestiegen. 

In vielen Podcasts sind die Macher und gastgebenden Sprecher die Konstanten. Hörer bauen Beziehungen zu diesen Menschen auf – alleine durch das Zuhören. Verstärkt werden diese Entwicklungen noch, wenn die Podcaster ihrerseits persönliche Informationen, eigene Geschichten und Hintergrundmotive in die Sendungen einfließen lassen. Immer wieder begegnen mir daher Menschen auf Events und im realen Leben, die ich noch nie persönlich getroffen habe, die mich aber wie einen alten Freund begrüßen.  

 

Audio als Gegentrend zu Fake News

Und noch ein Bedürfnis hat über die letzten Jahre der Digitalisierung deutlich zugenommen: Wir wollen Informationen und Medien vertrauen können. Wir wollen vor allem Glaubwürdigkeit, um uns sicher orientieren zu können und die richtigen Entscheidungen zu treffen. In Zeiten von Fake News, Click Bates, Echokammern und digitaler Bildbearbeitung fällt uns die Beurteilung der Glaubwürdigkeit immer schwerer.  

In Podcastgesprächen, Audio-Dokumentationen und Audiografien sprechen in der Regel Menschen für sich selbst. Das ist sicher oft weniger professionell als bei ausgebildeten Sprechern. Aber wenn wir die Geschichte einer Person hören oder ihrer Argumentation akustisch folgen, dann haben wir ein sehr viel besseres Gespür dafür, ob wir ihr Glauben schenken können. 

Die Stimme können die wenigsten kontrollieren. Kleine Pausen, ein Schlucken, das Sprechtempo, die vermittelte Nähe – alle diese Faktoren sind natürlich und für uns Menschen nutzbar so lange Sprache bereits existiert. Ich finde, dass wir einiges unserer Kompetenz beim Zuhören dringend wieder trainieren und reaktivieren sollten. Zuhören ist die Basis für alles Verständnis, insbesondere für die Dinge, die uns fremd und andersartig vorkommen. Das Zuhören ist dabei mehr als das Hören. Schon Momo hat in der wundervollen Geschichte von Michael Ende treffend beschrieben, warum das Zuhören eine Kunst ist, die nicht jeder in gleichem Maße beherrscht. 

 

Eine Vielfalt von Formaten

Podcast ist nicht gleich Podcast. Und dann sind da noch Hörspiele, Hörbücher, Audio-Features im Rundfunk, Lebens-Audiografien und Aufnahmen zur Selbst-/Gruppenreflexion. Das Spektrum zur Nutzung von Audioinhalten ist heute schon sehr breit. Dennoch glaube ich persönlich, dass wir in der nächsten Zeit noch eine Vielzahl neuer Formate hören werden. 

Mit der Emanzipation vom Radio – und damit der klassischen Form und Denkweise des journalistischen Rundfunks – erwacht ein enormes Kreativpotenzial. 


Jeder hat etwas zu erzählen, aber die wenigsten Menschen produzieren heute ihre Ideen als Audioformat. Sie sind eher unüblich im Vergleich zum Schreiben von Texten (Bücher, Blogartikel, Essays, Kommentare etc.) oder Videobeiträgen in Form von Youtube-Videos, Insta-Stories oder TikTok-Musikvideos der jungen Nutzergruppen. Das liegt sicher weniger an fehlenden Ideen, als mehr an einigen medialen Hürden. Schreiben haben wir alle in der Schule gelernt. Wie wir einen Audiobeitrag produzieren, Mikrofone nutzen oder eine mp3-Datei in einen RSS-Feed verwandeln, stand selten auf dem Stundenplan. 

Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Audiotechnik zukünftig immer einfacher zu bedienen sein wird. Analog zur Entwicklung von Blogs und Webseiten, bei denen wir heute nicht mehr programmieren müssen, um Inhalte zu publizieren, wird es auch bei Audioinhalten komfortabler werden. Neue Apps und benutzerfreundliche Podcastinglösungen werden das Aufnehmen, Bearbeiten und Veröffentlichen für jeden ermöglichen – ganz ohne Studium der Tontechnik oder eine journalistische Medienausbildung. Und die Zunahme von sprachbasierten Assistenten wie Alexa, Siri & Co. gewöhnen uns zunehmend an Spracheingaben und Sprachinhalte im Alltag.

Auch Unternehmen entdecken das Audiomedium für sich. Der Bereich des „Corporate Podcasting“ ist (noch) ein Feld für Pioniere. Das Potenzial ist dabei schon vielfach erkannt. Von besonderem Interesse sind daher die Entwicklungen für neue Audioangebote in der Mitarbeiterkommunikation und im Rekruiting – schließlich spielen hier die Aspekte Glaubwürdigkeit, Authentizität und menschliche Beziehungsgestaltung eine zentrale Rolle.

Beispiel für den Einsatz von Podcasts in der internen Kommunikation: Der Audio Mitarbeiter Podcast. "Dieser Podcast ist eine Information für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AUDI AG in Deutschland. Der Audi Mitarbeiter-Podcast liefert immer zur Mitte des Monats eine Viertelstunde lang Hintergrundinfos mit einem Top-Thema."

 

Vom Podcasting zur Audiografie

Wenn die meisten von Podcasts sprechen, dann ist eher der Audioinhalt als das technische Format zur Veröffentlichung dieser Inhalte via RSS gemeint. Betrachtet man das Gros der geschätzt über 300.000 Podcastangebote weltweit, so sind diese größtenteils Gespräche. Und das ist nicht weiter verwunderlich, denn gerade hier liegt ein Reiz des Podcastings: Es ist heute sehr einfach, Sprache aufzunehmen und über Audioportale wie Soundcloud oder Spotify zu veröffentlichen. Einfach auf Aufnahme am Smartphone drücken und los geht’s. Über die Qualität des Gesprochenen entscheiden dann natürlich diverse Dinge, die in diesem Beitrag nicht vertieft werden sollen. 

Podcasts sind in der Regel Unterhaltungen. Manche sind Selbstgespräche und Monologe einer Sprecherin oder eines Sprechers. Die deutliche Mehrzahl der verfügbaren Podcasts sind jedoch (Fach)Gespräche von zwei Menschen im Dialog mit klarer Rollenverteilung: eine/r fragt und der Gast antwortet. Immer häufiger finden sich auch Gesprächskonstellationen zu Dritt oder in Gruppen- bzw. Paneldiskussionen. Auch gibt es Moderatorenteams, die gemeinsam mit Gästen in die Aufnahmen gehen. Alles kann, nichts muss.

 

In der Abgrenzung zum üblichen Podcast spreche ich von Audiografie. Audiografie ist wie Fotografie zum Zuhören. So jedenfalls habe ich es mich selbst im Oktober 2018 sagen hören, als ich am Frühstückstisch von Britta Pukall (milani) beschrieben habe, wie ich mich häufig fühle - und warum ich das Audiophile so schätze. 

„Ich komme mir oft vor wie ein Fotograf. Ich portraitiere Menschen, Kulturen und Erlebnisse – nur eben über das Audiomedium.“

 

Im Gegensatz zu Gesprächen handelt es sich bei Audiografien um Erzählungen. 
Formal könnte man sie vielleicht so definieren: Audiografien sind über das Internet abrufbare Tonaufnahmen mit beschreibenden Darstellungen persönlich erzählter Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erlebnisse.

 

Der Begriff "Audiografie" steht weder im Duden noch in Wikipedia – jedenfalls bislang. Und doch ist für mich es die beste und naheliegende Beschreibung. Audiografien sind erzählte Portraits, Biografien und Erlebnisberichte zum Zuhören. Sie handeln von menschlicher Veränderung und Entwicklung in Form von Erinnerungen, Erlebnisberichten, Lebensgeschichten oder Chroniken. Audiografien sind akustische Portraits und Narrative, die mit anderen geteilt werden können.

Im Gegensatz zu Hörbüchern und Hörspielen kommen in Audiografien keine professionellen Sprecher zum Einsatz. Hier erzählt jeder für sich - in seinen eigenen Worten und mit seiner eigenen Stimme. Es geht um authentische Aufnahmen und subjektive Perspektiven, die bei ihren Zuhörern zu ganz eigenen inneren Bildern und Interpretationen führen. Verbunden werden diese Versatzstücke meist durch den Audiografen, der als Gesprächspartner und Erzähler fungiert.

Audiografie öffnet daher den Kopf und das Spektrum der Möglichkeiten weit über die Spielart der Gespräche und üblichen Podcasts. Mit Blick auf die Stärken des Mediums Audio – vor allem die Glaubwürdigkeit und Emotionalität – stößt die Audiografie ein Tor zu ganz neuen Formaten und Gestaltungsoptionen für Lerninhalte, Erfahrungsaustausch und unterhaltsame Inspiration auf. Das gilt sowohl für den beruflichen wie auch den privaten Anwendungsfall. Davon bin ich überzeugt.

Die vier Segmente der Audiografie (Lebens-Audiografie, Event-Audiografie, Reise-Audiografie und Kultur-Audiografie) findet sich mit hörbaren Beispielen und konkrete Anwendungsfälle hier >>

Beispiel Audio-Biografie und Lebenspodcast: Lebens-Audiografien sind erzählte Lebensgeschichten. Sie können das Portrait eines ganzen Lebens umfassen oder Momentaufnahmen zu jedem beliebigen Zeitpunkt abbilden. Eine besondere Form sind aufgenommene Reflexionen über das, was Menschen gerade bewegt. Lebens-Audiografien sind altersunabhängig gestaltbar. Sie können mit Kindern, jungen Erwachsenen, Familien, in der "Halbzeitphase zwischen 40 und 50" sowie im hohen Alter als Retrospektive erfolgen. Von besonderer Faszination sind Familien-Audiografien über mehrere Generationen hinweg.

 

Der Schritt zum Audioteilgeber

Wer die Vielfalt und Vorteile des Audiomediums noch nicht für sich entdeckt hat, kann damit ganz einfach beginnen. Es braucht nur die eigene Neugier und ein vielleicht einen Startpunkt. Ich empfehle hier gern das kostenfreie Podcaststöbern bei Spotify, das Eintauchen in die Deutschen Podcasts Charts bei iTunes oder den Blick in die ARD Audiothek.

Wer diese Vorteile bereits erfahren hat und zu schätzen weiß, der sollte über den Schritt vom audiophilen Konsumenten zum Audioteilgeber nachdenken. Hierzu möchte ich ermutigen und aktiv unterstützen. Deshalb gibt es die Audio-Workshop-Tour 2020, auf der ich im deutschsprachigen Bereich unterwegs bin. 

In eintägigen Workshops lernen alle Interessierten, wie sie professionelle Podcasts gestalten und lebendige Audio-Geschichten erzählen. Im Workshop werden die 8 Basis-Module des Podcastings vermittelt – lebendig und praxisnah.

Der Praxis-Workshop führt verständlich, lebendig und praktisch in die Welt der Audioinhalte ein. Teilnehmende lernen, wie sie interessante (Fach)Themen und Gespräche führen, den Spannungsbogen beim Erzählen halten und wie sie effizient auf iTunes, Spotify & Co. veröffentlichen können. In kleinen Gruppen werden erste Audiokonzepte entwickelt, der Umgang mit Mikro und Recorder trainiert sowie Live-Aufnahmen und echte Audio-Portraits produziert. 

Weitere Informationen: Praxis-Workshops Podcasting und Audiografie.  

 

Mache deinen nächsten Schritt in die wunderbare Welt der Audioinhalte und lass von dir hören!